© 2014 Bernhard FR_25

Meine Couch und das Wetter

“Lost in this world
I even get lost in this song
And when the lights go down
That is where I’ll be found”
Anouk

Ich liege mit geschlossenen Augen auf meiner gemütlichen Couch und lausche Anouk`s Ballade „Lost“. Mein Körper ist völlig entspannt und das wichtigste, es ist warm. Kuschelig warm. Sogar die Finger und Zehen sind aufgewärmt und vollzählig. Ein tolles Gefühl. Muss ja auch nicht sein, ständig einen schweren Rucksack zu schleppen oder morgens um 5:30Uhr aufzustehen um im Schneegestöber zu einem Aussichtsgipfel hochzulaufen, der seinen Namen nur bei Sonnenschein verdient. Bei 5Grad im Regen vor dem Zelt das Abendessen kochen gehört auch nicht zu meiner Lieblingsbeschäftigung. Relaxen muss auch mal sein.
Das Lied geht zu Ende und ich höre durch meine Kopfhörer hindurch das Prasseln von Regentropfen an den Fensterscheiben. Fensterscheiben? Das klingt eher nach Nylon! Wie ich dieses Geräusch hasse! Ich öffne die Augen und sehe im Halbdunkel eine grüne Zeltwand. Ok…doch keine Couch, sondern Isomatte, Daunenschlafsack und Zelt sind meine Behausung. Die Umgebung ein nasskalter Campingplatz im Wald, somit zumindest vor den verrückten Winden geschützt. Der erdige Waldboden ist aufgeweicht und spritzt mit jedem Tropfen einen halben Meter bis auf das Zelt. Alles eingesaut. Keine 2h vom Campamento Poincenot thront majestätisch Fitz Roy, leider verdeckt hinter einer dichten Wolkenwand. Wir verbringen 2 Nächte hier, denn der erhoffte Sonnenaufgang am ersten Morgen ist mal wieder keiner. Eher ein Umschalten von dunklen zu hellen Wolken die alles verhüllen. Aber immerhin gibt es Abwechslung. In der Nacht fallen die Temperaturen und die Schicht des Regens geht zu Ende. Der Schnee übernimmt. Kleine feine Flöckchen, ausreichend um die gesamte Gegend zu überzuckern. Doch dann reißt die Wolkenwand sogar mal auf und schon ist wieder staunen angesagt. Gestartet sind wir bei blauem Himmel und unglaublicher Sicht auf Cerro Torre und einem traumhaften Sonnenuntergang vor dem Gletschersee Laguna Torre. Das Wetter hier als wechselhaft zu bezeichnen wäre untertrieben.
„Don´t ask for the weather. We are in Patagonia!“ steht auf einem Schild im Torres del Paine Nationalpark. Ich muss immer grinsen, wenn andere sich über ihren Urlaub unterhalten, und es nur ums Wetter geht. Nun tue ich es selber. Aber das Wetter in Patagonien kann man nicht ignorieren. Es drängt sich einem auf. Vor dem Wind, der mit 100km/h über die Ebene peitscht und alles fliegen lässt, was nicht festgebunden ist kann man sich nur innerhalb von vier Wänden schützen. Und die sollten stabil sein. Als wir auf exponiertem Weg zum Paine Grande Aussichtspunkt wollten, mussten wir die Tour abbrechen. Es hätte uns sonst von den Klippen gefegt. Sogar ohne die Rucksäcke war geradeaus gehen unmöglich. Und es sollte nicht das letze Mal sein… Doch es kann sogar Spaß machen, die Elemente zu spüren. Die ganze Kraft der Natur. Nicht selten ist es aber einfach nur ein Kampf dagegen. Also warum sich dem extremen Wetter aussetzen? Die Couch daheim ist doch viel gemütlicher. Tür zu, Heizung auf, Bilder von anderen anschauen, alles gut.

Die zerklüfteten Berge, riesigen Gletscher, türkisfarbenen Seen und knarzenden Wälder Patagoniens nicht nur zu sehen, sondern zu erleben, das macht wohl den Unterschied. Ja sogar das Wetter, das alles formt und in spektakuläres Licht taucht oder auch einfach mal verschwinden lässt (weniger beeindruckend). Den Blick auf die Cuernos, Torres del Paine und wie sie alle heißen, den muss man sich verdienen. Sonnenaufgang auf dem Gipfel des Tumbado mit perfektem Blick auf Fitz Roy und Cerro Torre beinhaltet nun mal, um 4:00Uhr (in Worten: vier Uhr morgens) in El Chalten loszulaufen. Doch es hat sich gelohnt. Was für grandiose, bizarre Formationen! Was für ein Licht! Da wird es schwer, weiter zu gehen oder gar auf den Weg zu achten. Drauf starren, bis sich das Bild in die Netzhaut einbrennt ist angesagt (Bildschirmschoner empfohlen;-). Doch meist wird es irgendwann sowieso wieder so kalt, dass man weiter gehen muss. Doch jeder Blick lohnt sich. Und hin und wieder hat man mit dem Wetter auch Glück. Der Vorteil von wechselhaftem Wetter;-)

6 Comments

  1. Wolfgang
    Posted 01/04/2014 at 21:38 | #

    Hy Berni
    Eine Couch ist schon etwas schönes. Keine Sorge, das Stück ist in guten Händen und wird jeden Tag mehrmals getestet.

    • Posted 02/04/2014 at 02:13 | #

      Hola Chico,
      ich hoffe du machst keine allzu tiefen Mulden in meine Couch;-) Aber dennoch viel Spaß beim Abhängen, deine Patagonien-Zeit rückt ja auch langsam näher.

  2. Posted 31/03/2014 at 17:36 | #

    Bei einigen der Bildern könnte man glatt meinen die sind aus deinem letzten Kalender ;)

    • Posted 02/04/2014 at 02:15 | #

      Anderes Wetter, gleiche Berge…und immer wieder genial;-)

  3. Antje
    Posted 28/03/2014 at 19:24 | #

    Mir hat sich leider nur der Fitz Roy gezeigt. Dafür genieße ich jetzt deine Bilder von meiner Couch aus ;)

    • Posted 02/04/2014 at 02:50 | #

      Ja, der Cerro Torre ist eher schüchtern und verhüllt sich gern…aber diesmal hatte ich Glück (und Geduld;-)

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