© 2014 Bernhard Castillo21

Winter im verrückten Herbst

Das Spukschloss Patagoniens, so könnte man Cerro Castillo wegen seinen vielen kleinen Türmchen, die entfernt an eine Burg erinnern, auch nennen. Der „Burggraben“ (Laguna Castillo) liegt mir zu Füßen, die großartige Skyline thront gegenüber des Passes, auf dem ich mein Zelt in einer verschneiten Senke aufgeschlagen habe. Auf der anderen Seite schweift der Blick über das Tal des Rio Ibanez, wo die letzten Strahlen der Sonne lange Schatten auf der zerfurchten Ebene erzeugen. Der visuelle Genuss wird nur durch die Kälte geschmälert. Wieder mal. Doch es liegt nicht wie sonst nur am Wind. Die Luft-Temperaturen sind extrem in den Minusbereich gefallen und die Luftfeuchte ist dennoch sehr hoch. Erst Sonne, dann Regen, dann Schnee. The same procedere as every week, Mrs. Sophie. Mike ist nach der 2. Schneenacht abgestiegen, genug gefroren und ausgeharrt. Doch es ist Besserung in Sicht. Ich geb noch nicht auf und übernehme den Kocher und das Essen für eine weitere Nacht. Die Wetteraussichten sehen vielversprechend aus. Und tatsächlich bleibt es fast wolkenfrei. Nur die Temperaturen sinken noch weiter…
Meinen Weg auf den Pass kann man eigentlich gar nicht Weg nennen. Ab und zu ist ein Steinmännchen zu sehen und nach 3h über zugeschneite Felsen hüpfen kommt eine Scharte in Sicht. Und um dort hochzukommen darf man ein unangenehm steiles Schotterfeld queren. Zugescheit versteht sich. Als würde Schotter oder Schnee nicht einzeln schon genug fordern, die Kombination ist ekelhaft. Man weiß nie wo man hintritt…Fels, Schotter, Busch oder auch mal Eis. Überraschung! Ein Loch erwartet den Wanderstiefel und hält ihn erstmal fest. Weitergehen ist da gar nicht so einfach. Und dann rutscht der Boden auf dem man steht auch noch gerne immer wieder mal talwärts. Zwei Schritte hoch, einer zurück. Sisyphus kann da ein Lied von singen.
Endlich im Schlafsack. Allein im Zelt, somit zumindest viel Platz, aber auch nur eine „Heizung“ im Plastikheim. Das Essen hängt in der Abside (Schneemäuse???), mein Rucksack liegt neben mir. Ich lese „into the wild“ von Jon Krakauer. Ein Tatsachenbericht über den Aussteiger Chris McCandles, der sich komplett und radikal von seinem vorgeplanten Leben gelöst hat und sich nach dem Reisen durch mehrere Länder seinen Traum von Freiheit erfüllt hat… in der Wildnis Alaskas leben, so wie die Romanfiguren Jack Londons. Diesmal allerdings ohne Happy End. Immer wieder höre ich Geräusche vor dem Zelt und werde von Alaska wieder nach Chile geholt. Schnee knirscht, leises Klopfen auf den Boden. Keine Lust raus zu schauen. Die Kapuze des Schlafsacks ist bis auf eine kleine Luke zugezogen, und das bleibt erst mal auch so. Die kalte Nase reicht. Ich will nichts hören, ich will schlafen. Am frühen Morgen werde ich wach. Nicht kalt genug zum Frieren, nicht mehr warm genug zum Schlafen. Mit meinem Schlafsack habe ich schon bei -10Grad ohne Probleme genächtigt, also schätze ich es mal vorsichtig auf -15Grad. Mein kondensierter Atem ist auf dem Schlafsack gefroren, die Außenhülle ist steif und knistert als ich mich aufrichte. Mache den Reißverschluss auf und schlüpfe sofort in die Daunenjacke. Jeder Kontakt mit dem Innenzelt, lässt es schneien. Auch hier alles gefroren. Meine Schuhe vor dem Zelt sind so steif, dass ich sie nur mit Mühe überhaupt anziehen kann. Die Schnürsenkel sind wie ungekochte Spagetti. Als ich mit bloßer Hand den Kocher anfasse, bleiben meine Finger daran kleben. Auf einem flachen Stein errichte ich meine Küche. Alles was ich dort abstelle…na, wer weiß es? Ja, genau…festgefroren. Da ich mich entschlossen hatte auf dem Pass und nicht unten am See zu Campen habe ich, kein Trinkwasser. Zumindest nicht in flüssiger Form. Der 1,4l Topf wird voll mit Schnee gefüllt und dann erhitzt. Übrig bleiben etwa 200ml Wasser. Sisyphus lässt mal wieder grüßen. Ständiges Nachfüllen bis die gewünschte Wassermenge erreicht ist hält warm und lässt keine Langeweile aufkommen. Als würde es sowas hier geben!? Es dauert über eine halbe Stunde bis 1l Wasser kocht. Die Gaskartusche ist fast leer und hat in der Kälte enorm an Leistung verloren. Als endlich Dampf unter dem Deckel aufsteigt, schalte ich den Kocher aus und will ihn heben…am Topf angefroren. Verrückt! Der Tee in meiner Flasche wärmt die steifen Finger auf, die Zehen müssen noch ein Weilchen weiter schmerzen. Bergauf und -abrennen bringt nur geringfügige Besserung.
Parallel zu meinen lustig anmutenden Turnübungen beginnt die aufgehende Sonne die obersten Spitzen des Spukschlosses anzustrahlen und auch das Tal unterhalb wird vorsichtig aufgeweckt. Doch erst um 9:30Uhr erreichen die wärmenden Strahlen meinen Zeltplatz und der Schnee beginnt überall zu glitzern. Wie kann etwas so schrecklich Kaltes nur so schön sein?! Keine 2m um das Zelt herum entdecke ich die Spuren von 4 Hasen. Das waren dann wohl die nächtlichen Besucher die mich umzingelten und anscheinend begrüßen wollten.
Vom Pass her sind es etwa 4h, teils wegloses Gelände bis nach Villa Cerro Castillo, bis in die „Zivilisation“. Hier oben merkt man nichts davon. Als wäre man tausende von Kilometern von der nächsten Siedlung entfernt. Und kaum verlässt man beim Abstieg die Schneegrenze empfangen einen grüne Wiesen, Büsche und bunte Herbstwälder. Und Schmetterlinge und Kolibris.
Verrückt!

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by Bliss Drive Review