© 2014 Bernhard uyuni35

Julio makes man

„After this tour you will be a man. Your pelotas will be much bigger“, sagt Julio, ein Ex-Minenarbeiter aus Potosi. „I will show you the Macho-Community of the mines“. Ganz Südamerika ist doch voller Machos, entgegne ich. “Mineros mucho differente”. Und er soll recht behalten.
Gemeinsam mit 2 Mädels aus den Staaten werde ich mit Bergarbeiterkleidung, samt Gummistiefel, Helm und Stirnlampe ausgestattet. Julio ist über 50Jahre und hat viele Jahre in dem Bergwerk gearbeitet, nun führt er Interessierte tief in den Berg Cerro Rico. Er kennt die Silbermine und die ungeschriebenen Gesetze in den verzweigten Tunneln. „I am the General, you are my soldiers. When I say something…act do not ask. This is no playground.” Und das muss er uns nicht zweimal sagen. Schon der Eingang und die Umgebung von „La negra“ sehen ungemütlich aus. Jede Cooperativa hat ihren eigenen Zugang, manche Tunnelsysteme sind aus Sicherheitsgründen miteinander verbunden. Hier wird aktiv gearbeitet, dies ist kein Disneyland. Über die Sicherheitsvorkehrungen in Bolivien möchte ich nicht näher nachdenken. Julio hat schon viele Freunde dort verloren. Ich bin hier nur ein paar Stunden, die Arbeiter 6Tage die Woche, das ganze Jahr über. Wenn er mal nicht kommt, sind sie sauer. Sie freuen sich über Abwechslung (besonders weibliche) in der Hölle. Und über Geschenke. Also gehen wir zuvor noch in die Bergarbeitershops einkaufen. Ein paar Kokablätter und Wasser. Und besonders wichtig, Dynamit. Ich kaufe doch tatsächlich für 15Bolivianos (1,5EUR) 3Stangen TNT! Wie viel darf ich hier denn kaufen als Ausländer, will ich wissen. „How much money do you have?“. Wer feiert mit mir Sylvester, dieses Jahr?:-)
„Vamos!“ Julio rennt voraus, wir hinterher. Und rennen ist hier wörtlich zu nehmen. Er ist etwa 1,65m groß, ein Oberkörper wie ein Schrank, aber kurze, dünne Beine. Ein Untertagemensch. Wenn er fast noch aufrecht gehen kann, bin ich fast schon auf allen vieren. Außerdem schnaufe ich die staubige Luft in meine Lungen wie ein Stier. Wir sind auf über 4000m, er schon länger als ich. Will mir aber auch nicht nachsagen lassen, dass meine Pelotas zu klein wären. Also halte ich mit, so gut ich kann. Seine Geschwindigkeit ist nicht nur seinem Machismo zuzuschreiben, sondern auch eine Vorsichtsmaßnahme. Einmal kommen uns Bergarbeiter mit einer vollen Ladung Gestein auf einem schienengeführten Wagen entgegen. Wenn so ein Ding erstmal rollt, ist es nicht so leicht zu bremsen und man muss Ruckzuck in einem der Seitenschächte verschwinden, damit das Ungetüm verbeirollen kann. Er zeigt uns verschiedene Tunnel, wo die Silberadern liegen und wir quatschen mit ein paar der „Bewohner“ des Berges. Unter den alten Hasen herrscht ein rauer Umgangston. Jeder Satz beinhaltet entweder Carajo oder Pendejo, im Zweifelsfall beides. Ein Schwulenwitz jagt den anderen. Ab und zu bewerfen sie sich mit kleinen Steinchen oder hauen sich auf den Schutzhelm. Bei einer jüngeren Gruppe geht es ähnlich zu. Das 18jährige Nesthäkchen ist erst seit kurzem dabei. Er hat keine Freundin und wurde daher als allererstes Mal mit ins Bordell geschleppt. Sowas geht aber nicht allzu oft. Viel zu teurer, bedauern die Jungs. Kaum einer hat hier seine Schulausbildung abgeschlossen. Sie müssen Geld verdienen, der Bergbau ist eine der wenigen Möglichkeiten in der Gegend, ungeachtet der gesundheitlichen Risiken. Nach 10 oder 15 Jahren hat hier jeder Silikose, eine schwere Lungenkrankheit. Und das für eine Pension von 15USD pro Monat. Aber wohin sollen sie sonst gehen. Einer war mal eine Zeit in Argentinien. Er wurde als Quechua dort nur diskriminiert. Alles Rassisten dort, sagt er. Und in La Paz oder anderen Städten Boliviens sind ihm zu viele Aymaras. Die wiederum mag ER nicht. „Dann lieber hier in der Hölle mit meinen Kumpels schuften und sich besaufen. Wir sind deswegen keine Alkoholiker, somit ertragen wir alles nur viel leichter. Den Liebeskummer, die Dunkelheit… und außerdem passieren so viel weniger Unfälle. Auch weil wir immer wieder Opfer zu Tio bringen.“ Tio (Onkel) oder auch Tata Kaj´chu genannt, der Teufel und gleichzeitig Beschützer in der Unterwelt. Wir treffen ihn tief unten in einem der Schächte. Eine lebensgroße Figur, behangen mit bunten Girlanden, umgeben von leeren Bier und Schnapsflaschen und mit einem Glimmstengel und Kokablättern im Mundwinkel. Während wir so in der Dunkelheit sitzen und reden schaue ich mir die Umgebung an. Offene Stromkabel an einer Seilwinde, Wasser tropft von der Wand und staut sich am Boden, der Feinstaub tanzt im Licht der Stirnlampe. Die Hölzer die, die Decke abstützen sind bereits durchgebogen und zum Teil sogar durch das Gewicht gebrochen und nur notdürftig geschient. Mehrere Felsbrocken sind ungesichert und sehen aus, als dürfte man nicht mal Husten. Was schwer fällt bei der Luft hier unten. Jeder TÜV-Mitarbeiter würde einen cholerischen Anfall kriegen und wie Rumpelstilzchen durch die Gänge rasen.

Liebe Leute daheim, wie läuft´s so in der Arbeit. Angenehmes Umfeld? Nette Kollegen. Nein? Die suchen hier bestimmt noch Mitarbeiter;-)
Das schlimmste ist, dies hier ist noch nicht „ganz unten“. Denen geht’s im Vergleich zu manch anderen sogar noch gut…

Ich bin froh wieder an der Sonne zu sein und frische Luft in meine Lunge zu pumpen. Und ich gehe komischerweise etwas breitbeiniger;-)

Ach ja…Salar de Uyuni, was für eine geniale Gegend. Der größte Salzsee der Welt, leider auch relativ entspannt per Jeep zu erreichen und somit ein Mega-Touri-Magnet. Vor allem weil alle Agenturen die Hotspots zur gleichen Zeit anfahren und man somit oft mehr Menschen als Natur sieht. Schade. Aber was solls, trotzdem wunderschön. Und ich bin in einen lustigen Mix aus Basken, Israeli und Iren geraten. Wie ich ticke, haben die auch recht schnell festgestellt. Spätestens als wir zu Laguna Colorada gefahren sind und der Fahrer nach 30Minuten Fotostopp weiter zur Unterkunft will. „Ok, Guys! See you there!“ „Are you sure?“ Na aber sowas von! Was für eine geniale Lagune, die paar Kilometer krieg ich auch zu Fuß hin. Und nach einer halben Stunde war ich völlig allein. Die rote Lagune, Flamingos, Lamas und ich.
Nach über einer Stunde unterm kristallklaren Sternenhimmel bin ich dann auch pünktlich zum Abendessen im Hostel angekommen. War jede Mühe wert. Und „you are crazy“ hab ich schon öfter gehört.
Weil es mir immer noch zu schnell ging, bin ich von Uyuni mit einer Gruppe Koreaner nochmal einen Tag auf den Salzsee rausgefahren. Und diesmal haben wir eine Stelle gefunden, wo sich noch Wasser gestaut hatte. Zum Sonnenuntergang. Was soll ich sagen…ich liebe es ZEIT zu haben.

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