© 2014 Bernhard fiesta57

Let´s get this party started

Tinku – Das Vergießen menschlichen Blutes ist dabei von elementarer symbolischer Bedeutung. Der Schlagabtausch ist jedoch strikten Regeln unterworfen, die streng kontrolliert werden. In dem Augenblick, in dem die Überlegenheit der anderen Seite zu deutlich wird und die andere zu vernichten droht, treten die Frauen des Ayllus gruppenweise vor die Männer und bringen den Kampf zum Erliegen.
Trotzdem kommt es durchaus vor, dass Teilnehmer zu Tode kommen, was aber trotz aller Trauer um die Gefallenen als notwendig erachtet wird, gilt das vergossene Blut doch als Opfer für die Pachamama. Kann sie gütig gestimmt werden, dann wird das nächste Jahr ein gutes Erntejahr.
Wikipedia

Fiesta de la cruz – Das Fest des Kreuzes…klingt irgendwie religiös. Ist es bestimmt auch. Irgendwie. Irgendwo. Aber als Gringo man muss schon genau hinschauen und vor allem sehr viel „unreligiöses“ dabei ausblenden.
Es gab diese Feier schon bevor die spanischen Eroberer mit den Missionaren im Schlepptau ankamen und den Einheimischen von einem gewissen Jesus erzählten. Das Symbol, das schon vorher (und teils immer noch) verehrt wurde, war die Sternenkonstellation „Kreuz des Südens“.
Dass die Feier in Macha neben Musik und Tänzen auch mit Tinku, also rituellen Kämpfen zwischen den verschiedenen Gemeinschaften zelebriert wird, wusste ich schon vorher. Wie bei allen Menschen auf der Welt gibt es zwischen Einzelpersonen und Gemeinschaften immer Meinungsverschiedenheiten und Konflikte. Tinku („Begegnung“ auf Quechua) soll das Ausgleichsventil darstellen. Doch auf was ich dann dort antraf war ich dann doch nicht vorbereitet. Schockiert würde es fast sogar treffen.

Mit einer Gruppe sieben weiterer Touris bin ich per Minibus von Potosi nach Macha gefahren, wo sich traditionell sämtliche Dorfgemeinschaften der Umgebung zur jährlichen Feierlichkeit auf dem Hauptplatz treffen. Zum musizieren, tanzen und trinken. Ob Mann oder Frau, Kind oder Greis, alle sind vertreten. Manche haben neben ihren Musikinstrumenten noch eine Peitsche dabei. Oder auch Handschuhe mit Metalleinsätzen an den Knöcheln. Einer läuft mit Motorradhelm durch die Menge. Anfangs wundert man sich noch, später macht das dann sogar „Sinn“.

Let´s get this party started. Jeder Clan, geschmückt in seinen Farben, mit seinen Hüten und natürlich einem Kreuzträger, zieht durch die Straßen. Mit Flöten und Gitarren spielen sie eine eindringliche, sich ständig wiederholende Musik. Füße stampfen schnelle Rhythmen auf den staubigen Boden, wildes Jauchzen garniert das Getöse. Und jeder puscht den anderen noch mehr zu geben. Durch Rufe, durch peitschen, durch provozieren. Noch lauter. Noch schneller. Noch wilder. Der Turbo in dem Spiel heißt Alkohol. Und da dies kein Werbespot mit Villa Riba und Villa Bajo ist, werden nicht einfach ein paar Bierchen getrunken, sondern Hochprozentiges. 96%gen Alc würde ich zum Reinigen oder als Feuerstarter verwenden, hier dient er dazu um möglichst schnell auf Touren zu kommen. Und es funktioniert bestens. Chicha, ein fermentiertes Maisgesöff, das hier auch noch die Runde macht ist da eher noch harmlos. Bei allem Gesaufe wird aber Pachamama, die Mutter Erde nicht vergessen. Die ersten Tropfen werden ihr zu Ehren auf den Boden geschüttet und erst dann in den eigenen Rachen. Und das gehört alles noch zum interessanten Teil.

Die Stimmung wird immer ausgelassener. Die tanzenden Gruppen treffen auf dem Plaza vor der Kirche zusammen. Fronten bilden sich. Die Männer fangen zu springen an, das „feindliche“ Gegenüber wird geschupst und angeschrien. Ein erster Faustschlag landet im Gesicht des anderen. Ein ganzer Hagel unkontrollierter Schläge folgt als Echo. Beide Streithähne gehen wie angeschossene Tiere aufeinander los. Blut spritzt und tropft auf den Boden. Alles für Pachamama. Die Ernte wird gut und das Gedränge immer größer. Plötzlich scheinen 6 oder auch 10 andere Quechuas aufeinander einzuschlagen. Ich entferne mich vom Epizentrum und sehe durch den aufgewirbelten Staub mehrere Polizisten die versuchen, das Menschenknäuel zu entwirren. Tatsächlich wird die ganze Veranstaltung von der Polizei „bewacht und koordiniert“. Dein Freund und Helfer als Ringrichter in einem Match ohne Regeln. Höchstens die eine, sterben soll dabei keiner. Letztes Jahr hat es funktioniert, die Jahre davor nicht immer. ..
Während das Geschrei hinter mir lauter wird, gehe ich weiter. Zwei Schüsse fallen, ein Zischen folgt und die umher stehende Menschenmasse rennt wie eine Büffelherde auseinander. Tränengas, die einzige Möglichkeit die Berserker zu trennen. Vorläufig, denn es geht den ganzen Tag so weiter.

Und parallel dazu findet in der Kirche ein Gottesdienst statt. Als würde man durch ein Wurmloch in eine andere Welt gehen. Ich stelle mich in die hinterste Reihe und lasse meinen Blick über die Schäfchen schweifen. Betrunken und teilweise mit blutverschmierter Kleidung stehen sie da und lassen sich vom Padre segnen. Glücklich strahlend verlassen sie das Gotteshaus und bekommen am Ausgang weiße Blüten auf den Kopf gestreut und werden von Familienangehörigen umarmt.
Ein solch archaisches Fest hab ich wohl noch nie erlebt. Brutal und religiös, faszinierend und abstoßend.

Potosi

Entspannt. Entspannter. Sucre

Titicaca

Trekking El Chorro

Trekking Condoriri

Hexenkessel La Paz

2 Comments

  1. Iris Thieme
    Posted 21/06/2014 at 23:06 | #

    Lieber Bernhard, deine Texte und diese Bilder sind toll! Danke dafür! Iris

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