© 2014 Bernhard huarapasca29

Stadt, Land, alles im Fluß

07-07-14-Lima-200m Höhe
Ein schmutziges Grau schaut auf mich herab. Ob Wolken, Smog oder beides kann ich nicht sagen. Zur Nacht hin ändert sich an der Farbe der Dunstglocke auch nicht allzu viel. Durch die Lichter der Stadt kommt nur noch ein ekliger Orangeton dazu. Nein, ein schöner Himmel sieht anders aus. Aber so fallen zumindest die grauen Gitterstäbe an meinem Hotelzimmerfenster nicht auf. Sollen die mich drinnen oder andere draußen halten? Doch auch ohne die Dunstglocke würde Lima bei mir keinen Blumentopf gewinnen. Da können die noch so viele Kolonialgebäude in ihrer Altstadt aufstellen. Menschmassen fließen durch die Fußgängerzone, Blechlawinen geraten ins stocken und liefern sich Hubgefechte. Auch das Angebot an schicken Bars und Restaurants bügelt den Lärm und die ungemütliche Atmosphäre nicht weg. Das Arequipa (siehe Stadt-Bilder unten) im gleichen Land liegt, mag man kaum glauben.
Marihuana? Koks? Chicas especial? Hacer fiesta con mucho alcohol? Nein, Mann! Ich will doch nur mein Eis in Ruhe schlecken und dann heut Abend in ein Flugzeug steigen. Als ich ihm dann nicht mal 1Sol für den Bus geben will, wird der auch noch garstig und zieht irgendwann fluchend weiter. In Asien waren die Jungs zumindest nicht aggressiv. Wird schon seinen Grund haben, dass hier an jeder Ecke (darf man in manchen Bezirken wörtlich nehmen) schwerbewaffnete Polizisten stehen.
Gleich kommt der Taxifahrer und bringt mich zum Flughafen. Hoffentlich! Nicht das der mir was anderes zeigen will, so wie schon der Letzte. Der wollt mich zu allen möglichen Hotels bringen, nur nicht zu dem, in das ich wollte. Dort kriegt er keine Provision. Lima sagt „Ciao“, auf seine eigene Art und Weise.
Der Stil von Huaraz am letzten Abend hat mir besser gefallen. Die Stadt selber macht nicht viel her, doch die Umgebung reißt es raus. Völlig beiläufig ziehen die knallroten Schäfchenwolken am Himmel über die glühenden Berggipfel und lassen mich durch die Häuserschluchten starren und innerlich wie äußerlich grinsen…!Hasta la proxima! Wer weiß…

27-06-14-Huarapasca-5412m Höhe
2:30Uhr morgens und mein Handywecker holt mich aus meinem leichten Schlaf. Ein Fingerschnippen hätte völlig ausgereicht. Das Basecamp des Huarapasca liegt auf 4900m und Tiefschlaf ist in dieser Höhe für mich ein Fremdwort. Da es am Tag zuvor immer wieder geschneit und gehagelt hatte, gilt mein erster Gedanke dem Wetter. Noch am Abend war ich in meinem Zelt gesessen, hatte Tee gekocht und regelmäßig gegen die Zeltwände geklopft, damit der schwere Schnee hinunterrutschte. Für sowas ist mein Ultralight-Zelt nur bedingt ausgelegt. Aber zum Glück ist kein Niederschlag, weder flüssiger noch gefrorener zu hören. Der zweite Gedanke ist Tee kochen. Wärme in Flaschenform. Erst für die Finger während man den Rucksack packt, dann für den Magen. Die beste Heizung kommt von innen. Marcella und Andi sind im Nachbarzelt auch fleißig am rascheln und kurze Zeit später stehen wir Abmarschbereit vor unseren Zelten. Der Himmel ist größtenteils klar, nur in der Ferne gibt es dichtere Wolken und vereinzeltes Wetterleuchten.
Am Gletscher angekommen legen wir im Schein unserer Stirnlampen unsere Ausrüstung an. Alles geht irgendwie automatisch von statten, wie in Trance. Die kurze Nacht verhindert dass man sich völlig fit fühlt, andererseits ist man überraschenderweise gar nicht so erschöpft, wie man vermuten würde. Adrenalin scheint sich heimlich und wohl dosiert im Körper auszubreiten. Ich bin ein kleines bisschen nervös, da die letzte steile Schnee- oder Eiswand, welche ich mit Eispickel und Steigeisen bestiegen hatte, schon ein paar Jahre her ist. Aber was soll´s, ich bin nur Nachsteiger und bei den beiden gut aufgehoben. Andy darf sich als Vorsteiger in der Wand austoben. Kaum hat er den ersten Stand 50m über uns eingerichtet, steigen Marcella und ich im Abstand von 5m am selben Seil nach. Der Neuschnee macht uns zu schaffen. Vor allem in den steilen Abschnitten (bis zu 65°) ist es sehr unangenehm und wahnsinnig kraftraubend wenn die Schneestufen immer wieder herausbrechen und Schritte wiederholt werden müssen. Als würde der Berg während der Besteigung noch weiter wachsen. Dennoch bildet sich bei mir nach einer Weile ein Automatismus. Die Nervosität ist verflogen und ein gleichmäßiger Bewegungsrhythmus übernimmt die Führung. Eispickel links setzen und festdrücken, Eispickel rechts, Steigeisen linker Fuß in die Wand hacken, rechter Fuß. Pickel links lösen und höher setzen, dann rechts, Fuß, Fuß, Pickel, Pickel… und zwischendrin tief ein und ausschnaufen. Es fließt dahin, und die Seillänge ist geschafft. Und noch eine. Die Sicherheit im Steilhang steigt mit jedem Durchgang, ja sogar der Spaß daran wächst. Es dämmert und die Stirnlampe ist inzwischen überflüssig. Und dann taucht die Sonne die Bergspitzen in ihr warmes Licht. Der Blick aus der schneeweißen Wand heraus auf die Umgebung ist überwältigend. Ich kann mich an sowas gar nicht sattsehen. Unsere Zelte im Basecamp werden immer winziger. Die Erde beginnt zu schrumpfen, eine Miniaturlandschaft breitet sich unter uns aus und auch wir werden immer kleiner. Im Geiste sehe ich uns „ameisenartig“ in dieser gewaltigen Bergkulisse herumkrabbeln. Paradoxerweise hat man sich innerlich aber nie größer gefühlt.
Direkt über uns kommen wieder kleine Schneeladungen herunter und reißen mich aus meinem Schwelgen. Andy setzt den nächsten Stand und ich kann es kaum erwarten weiterzukommen…und ein paar weitere Seillängen später sind wir auch schon oben. There and back again.
Ein richtiger Höhenbergsteiger wird aus mir keiner mehr. Die letzte Hochtour war das aber noch lange nicht.

One Comment

  1. Heddi
    Posted 08/07/2014 at 20:36 | #

    Hallo mein Lieber, ich freue mich auf dich und hoffe du bringst so ein süßes Kätzchen mit…….. Weiß jetzt nicht ob du schon zu Hause bist oder noch irgendwo in einem Flugzeug sitzt, wünsche dir gutes Nachhause kommen. Du wirst auf jeden Fall von deiner Familie sehnsüchtig erwartet.
    Heddi

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